Ana !!











WGM Ana Matnadze
zu Gast auf der Akademie Schloss Solitude

Ana Matnadze ist eine hübsche junge Frau aus Georgien, die aber schon seit längerem in Spanien lebt. Nach WGM Vera Nebolsina (Russland), Super-GM Francisco (= Paco) Vallejo Pons (Spanien) und GM Ivan Salgado (Spanien) ist sie die vierte Schach-Stipendiatin auf der Akademie Schloss Solitude. Sie trägt einen WGM- und einen IM-Titel und sie hat schon als Jugendliche zahlreiche Welt- und Europatitel errungen. In Deutschland ist sie für den USV Volksbank Halle in der 1. Frauenbundesliga aktiv.

Für unsere Vereinszeitschrift „Der Schachfreund“ konnten wir für den letzten Sonntag vor Weihnachten einen Interview-Termin mit ihr vereinbaren. Zum Glück kam an diesem eher trüben Tag für einen kurzen Moment die Sonne heraus, so dass wir auch noch ein paar Fotos aufnehmen konnten. Die Fotos stammen vom Schloss Solitude, vom Freischach im Hotel Mercure, um den Tatort des Böblinger Opens vorab zu inspizieren, und vom Stuttgarter Weihnachtsmarkt. Das Interview führte Claus Seyfried in unserem Schachcafé "CD" am Josef-Hirn-Platz. Wir sprachen dabei englisch, weil es so insgesamt am Einfachsten war. Aber es hätte auch deutsch oder spanisch sein können.

Zum ersten Mal habe ich wirklich bedauert kein Aufnahmegerät wie die Profi-Interviewer von Presse und Medien zu besitzen. Auf jede meiner vorbereiteten Fragen sprudelten die Antworten, so dass es eine wahre Freude war. Ich versuche hier nun das Wichtigste wiederzugeben.

CS: Wann bist du angekommen?
Ana: Am 10. Dezember. Die Akademie hat mich am Flughafen abgeholt.
CS: Woher bist du angereist?
Ana: Aus Barcelona.
CS: Weißt du schon wie lange du bleiben wirst?
Ana: Ich bin hier für ein halbes Jahr. Bis zum 31. Mai. Was ich bisher von Stuttgart gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Eine schöne Stadt! Ivan Salgado hatte mich gewarnt: „Was, ein halbes Jahr willst du in Stuttgart bleiben??? Du wirst dich zu Tode langweilen“. Aber bis jetzt ist das gar nicht so. Mein Aufenthalt gefällt mir schon jetzt sehr gut, und jeden Tag ist in der Akademie irgendwas los.
CS: Musstest du dich für das Solitude-Stipendium bewerben, oder wurdest du angesprochen?
Ana: Natürlich wusste ich nichts von einer Akademie Solitude. Aber Leontxio Garcia, du kennst ihn sicher, ein sehr aktiver spanischer Schach-Journalist, er ist wirklich überall und ich kenne ihn seit langer Zeit, sprach mich an und sagte: „Du bist eine offene kommunikative Person, an vielem interessiert, und sprichst mit jedem. Ich kenne den richtigen Platz für Dich! Bewirb' dich bei der Akademie Schloss Solitude“. Daraufhin habe ich meine Bewerbung letzten Sommer abgegeben, und ich war sehr glücklich, als ich die Zusage erhielt. Die Wahl erfolgte dann durch den Juror Enrique Irazoquí.
CS: Wie gut kennst du die anderen Stipendiaten Vera Nebolsina, Paco Vallejo, Ivan Salgado, Li Chao und Soumya Swaminathan?
Ana: Ich kenne sie alle seit vielen Jahren. Vera habe ich länger nicht persönlich treffen können. Aber wir tauschen jede Woche Emails aus. Sie mag die Akademie sehr und hat mir vorab schon alles erklärt. Mit Paco und auch mit Ivan bin ich sehr vertraut, weil sie Spanier sind. Soumya kenne ich auch sehr gut. Li Chao kenne ich ebenfalls, aber nicht so gut wie die anderen.
CS: Kürzlich hast du in Warschau bei der Europa-Mannschaftsmeisterschaft gespielt?
Ana: Ich persönlich kann zufrieden sein. An Brett 3, manchmal Brett 2, habe ich 6½ aus 9 geholt ohne Niederlage. Dafür bekam ich eine Silbermedaille für die Brettwertung. Aber das Team hatte großes Pech. Wir hatten alle sehr gut gespielt und landeten punktgleich auf Platz 6 - 11. Nach Wertung war es dann aber leider nur Platz 11.
CS: Und gleich danach warst du in der Deutschen Frauenbundesliga im Einsatz?
Ana: Ja, am Wochenende vom 30.11. / 1.12. in Halle. Die Partie gegen Leipzig habe ich gewonnen, gegen diese Rodewischer Miezen leider verloren.
CS: In welchen Ligen spielst Du noch außer in der Deutschen Frauenbundesliga?
Ana: Natürlich in der spanischen Liga. Außerdem in Frankreich und in der Türkei.
CS: Du sprichst, bzw. verstehst sehr gut deutsch. Wo hast Du deutsch gelernt?
Ana: In der Schule. So wie auch russisch und englisch. In meinem vierten Jahr an der Universität in Tiflis habe ich mich intensiv mit deutscher Literatur beschäftigt. Meine Hauptarbeit hatte Schillers Don Carlos zum Thema. Ich war wahnsinnig beeindruckt davon. Natürlich hatte es mir auch deswegen gut gefallen, weil ich damals das wirkliche Leben in Spanien schon gut kannte. Danach verlegte ich meinen Schwerpunkt auf Internationalen Journalismus.
CS: Welche Fremdsprachen sprichst du außer deutsch?
Ana: Spanisch am besten von allen. Außerdem katalanisch, russisch, englisch und portugiesisch.

Ich kann nicht erklären warum. Aber schon als kleines Kind träumte ich auf Spanisch. Und manchmal schockte ich meine Familie, wenn einfach spanische Sätze aus mir raus kamen. Meine Mutter sagt, wenn sie nicht sicher wüsste, dass ich in Georgien auf die Welt gekommen bin, wäre sie sicher, dass ich Spanierin sei. In einem früheren Leben muss ich wohl Spanierin gewesen sein.
CS: Seit wann lebst du in Spanien?
Ana: 2004 bin ich endgültig umgezogen. 2012 habe ich dann auch die Föderation gewechselt. Das kostete den spanischen Verband 2.000 €.
CS: Du bist WGM (= Frauen-Großmeister) und IM (= Internationaler Meister). Welcher Titel war schwieriger zu erreichen?
Ana: Ganz klar der WGM-Titel. Ich war sehr jung und wollte diesen Titel unbedingt haben. Ich kämpfte in jeder Partie darum und hatte nur dieses eine Ziel vor Augen, bis ich es geschafft hatte. Der IM-Titel hat mich dann eigentlich nicht mehr interessiert. Irgendwann habe ich erfahren, dass ich jetzt auch diese drei Normen und den Titel habe.
CS: Welche internationalen Erfolge hattest du im Jugendalter? Teilnahme bei WM / EM?
Ana: Ich war zwei Mal Weltmeister. In der Klasse U10 und U14. Europameisterin war ich fünf Mal, 2 Mal in U12, ein Mal in U14 und zwei Mal U16. Außerdem habe ich noch einige Welt- und Europameisterschaften im Blitz- und im Schnellschach gewonnen. Ich spiele sehr schnell.
CS: Wie war es als junges Mädchen aus Georgien in die weite Welt zu reisen?
Ana: Really cool. Meine erste Auslandsreise war übrigens mit 9 Jahren nach Deutschland. Zur Jugend-WM nach Duisburg. In Georgien herrschte Krieg, Durcheinander und Chaos. Da erschien mir Duisburg wie ein Märchen.
CS: Als der Georgier Eduard Schewardnadze Außenminister der Sowjetunion war, warst du ein kleines Mädchen. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
Ana: Ich erinnere mich an ihn als Außenminister der Sowjetunion. Ich war 6 als die Sowjetunion zusammenbrach. Ich traf ihn dann mehrere Male persönlich als er Präsident von Georgien war. Es ging um seine Foundation, die auch bei den Auslandsreisen zu den Jugend-Europa- und Weltmeisterschaften half. Ich war sehr beeindruckt von ihm als Person. Aber natürlich weiß jeder, dass Eduard Schewardnadze eine beeindruckende Persönlichkeit ist. Heute ist er sehr alt und lebt in Georgien. Ich hoffe er schreibt Bücher über seine Erinnerungen.
CS: Wie war zu dieser Zeit die Bedeutung der russischen Sprache in Georgien? Welche Sprache habt Ihr zuhause gesprochen?
Ana: So weit ich mich erinnern kann, wurde in meinem Umfeld niemals jemand gezwungen russisch zu sprechen. Zuhause sprachen wir georgisch, obwohl mein Vater damals Russischlehrer war. Heute macht er etwas anderes. Aber wahrscheinlich beherrscht er die russische Sprache besser als mancher Russe. Ich selbst habe russisch in der Schule gelernt, so wie auch englisch. Und so wie andere französisch oder deutsch gelernt haben.
CS: Deine Heimtstadt ist Telawi, das Zentrum des Weinbaus in Georgien. Möchtest du etwas von Telawi erzählen?
Ana: Ja, der Weinbau. Ich mag Früchte so sehr. Am liebsten Weintrauben und Äpfel. Ich wurde zwar in Telawi geboren. Wir zogen aber bald nach Tbilissi (Tiflis) um, und ich habe keine Kindheitserinnerungen an Telawi. Aber ich liebe es diesen Ort im Sommer zu besuchen.
CS: Der Schachverein Biberach in Oberschwaben (Nähe Bodensee) hat jahrelang erfolgreich in der Oberliga Württemberg gespielt. Wusstest du, dass es eine Städtepartnerschaft zwischen Biberach und Telawi gibt?
Ana: Ja, eine schöne Sache. Ich habe davon gehört, aber ich war noch nie in Biberach.
CS: Erzähle von deinem Projekt „Chess - a Peace Ambassador“
Ana: Oh, das ist eine tolle Sache, eine Non-Profit-Charity-Organisation. Jeder, der mitmachen möchte, Schachspieler, Künstler oder „normaler Bürger“, kann einbringen, was er leisten kann. Sei es Geld, oder sei es seine Kunst. Damit kann man Gutes tun in Waisenhäusern und in Altersheimen. Die Kinder in Waisenhäuser kann man glücklich machen mit einer tollen Zaubervorstellung oder mit einem Gesangswettbewerb, und ein Senior im Altersheim freut sich vielleicht über einen Schachpartner. Schach soll auch gut gegen Alzheimer sein.

Außerdem unterstützen wir den Jugendaustausch zwischen Georgien und Katalonien. Das letzte Mal wurde einer Jugendgruppe aus Georgien ein spanischer Sprachkurs an der Universität Barcelona spendiert, und es war so beeindruckend, was diese Kinder und Jugendlichen ohne Vorkenntnisse innerhalb kurzer Zeit lernten.
CS: Wo in Spanien lebst du? Hast du dort eine Hauptbeschäftigung?
Ana: In Barcelona. Ich mag Fußball so sehr! Du wirst mir nicht glauben, wo genau ich wohne. Zwei Minuten zu Fuß vom Camp Nou! Ich liebe es so, wenn ich Messi zusehe, wie er zum Training geht.

Meine Hauptbeschäftigung? Ich helfe dem spanischen und dem katalanischen Verband bei der Organisation von Turnieren, z.B. den Casino Turnieren. Das sind wahnsinnig stark besetzte Rundenturniere.
CS: Du planst beim Open in Böblingen mitzuspielen. Hast du außer Böblingen schon weitere Turnierpläne während deines Aufenthaltes auf der Akademie?
Ana: Auf jeden Fall werde ich außer Böblingen noch ein starkes Turnier spielen. Am liebsten 9 Runden ohne Doppelrunden. Außerdem habe ich natürlich meine Ligaspiele in Deutschland, Frankreich und Katalonien. In Deutschland sind meine nächsten Ligaspiele am 26.01.2014 gegen Großlehna (eher unsicher) und am 15./16.02.2014 in Deizisau (ziemlich wahrscheinlich) gegen das Heimteam und gegen Baden-Baden.

Meine Freundin Sopiko Guramishvili hat jetzt auch einen Klub hier in der Nähe. Ich kenne sie, seit sie 6 Jahre alt ist. Es wäre so schön, wenn wir uns da mal treffen könnten.
CS: Ich habe den Eindruck, dass weibliche Schachspielerinnen ihre männlichen Pendants gar nicht wahrnehmen, solange sie keinen GM-Titel haben. Kannst Du mir das bestätigen?
Ana: Es gibt natürlich diese Paare, z.B. Sopiko und Anish Giri, oder meine österreichische Gegnerin aus Warschau, Kopinits, und Markus Ragger. Auch Ivan war bis vor kurzem mit einer starken Spielerin aus Ungarn zusammen. Aber ich persönlich kann das nicht bestätigen. Ich habe jede Menge gute Freunde in der Schachwelt, aber ich war nicht wirklich mit einem von ihnen zusammen.
CS: Gibt es einen spanischen GM, der Dein Herz entflammt hat?
Ana: Vielleicht wunderst du dich über meine Antwort. Aber ich war noch nie ernsthaft mit einem professionellen Schachspieler zusammen. Mit „professionell“ meine ich dabei, einer, der Turniere spielt. Die Eigenschaft „Schachspieler“ ist mir bei der Partnerwahl nicht wichtig.
CS: Wir wünschen Dir viel Erfolg beim Böblinger Open!!!


22.12.2013     Claus Seyfried