Vera !!

   

WGM Vera Nebolsina zu Gast in Stuttgart

"Es gibt eine Schachspielerin auf der Solitude, wir sollten uns um sie kümmern !" hörte ich an einem sibirisch kalten Januartag von Bernd Zäh. Und Tatsache, ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als ich eine weitergeleitete Email von Bernd zu Gesicht bekam.

Die Akademie Schloss Solitude beherbergt im ehemaligen Wirtschaftsgebäude direkt neben dem Schloss immer ca. 30 Stipendiaten. Diese sind meistens für 3 Monate zu Gast, bekommen ein auskömmliches Taschengeld und müssen dafür als Gegenleistung erbringen: Eigentlich nichts. Aber die Idee der Akademie ist, dass die Gäste durch das Zusammensein und den Austausch mit ihren Mit-Stipendiaten ihre eigene Kunst bereichern und voranbringen. Ursprünglich war die Akademie für bildende Künstler gedacht. Später kamen Wirtschaftsleute und Juristen dazu, und nun hatte Akademie-Direktor Jean-Baptiste Joly (er war auch schon der Gründungsdirektor der Akademie im Jahre 1989, zuvor war er als junger Mann aus Frankreich nach Stuttgart gekommen, um das hiesige Institut Français zu leiten) eine neue Idee. Wie wäre es mit SCHACH als Bindeglied zwischen Kunst, Wissenschaft und Sport ? Wir finden das ist eine sehr gute Idee ! Eine Rolle dabei mag natürlich auch spielen, dass Herr Joly sehr schachbegeistert ist.

So kam Vera Nebolsina, ausgewählt von zwei spanischen Sport- und Schach-Journalisten, als erste Schachspielerin zur Solitude. Sie war spät an einem Januarabend bei Dunkelheit dort eingetroffen, und traute ihren Augen kaum, als sie am nächsten Morgen sah wo sie war und die wunderschöne Umgebung erblickte. Vera nutzte ihre Zeit dort, um den Mitstipendiaten etwas die Geheimnisse des Schachs zu lüften, eine Akademie-Schachgruppe zu gründen und als Abschlussveranstaltung gab sie eine Simultanveranstaltung, so wie einige der Künstler ihren Besuch mit einer Ausstellung abschließen. Aber dazu später mehr. Zunächst wünschte sie sich auch einen Kontakt zur örtlichen Schachszene. Ihre Betreuerin, vielleicht besorgt dass Vera unter den Schachspielern zu vielen bösen Männern in die Hände fallen könnte, fand im Internet die Email-Adresse der Frauenbeauftragten des Württembergischen Schachverbandes, und Biserka Brender leitete diese Mail an Bernd Zäh weiter. Das war die eingangs erwähnte Email. Danke Biba, Du weißt halt doch, wo Du hingehörst !

Unsere beiden Vorsitzenden, Bernd Zäh und Dr. Friedrich Gackenholz, zögerten natürlich keine Sekunde um mit der Akademie Kontakt aufzunehmen. Im weiteren Verlauf besuchten sie gemeinsam Herrn Joly und die Referentinnen mehrfach auf der Solitude um alle Möglichkeiten auszuloten, wie die Stuttgarter Schachfreunde die Akademie bei ihrem Schach-Projekt unterstützen können. Doch zunächst galt es Vera für uns zu gewinnen. Ihre Betreuerin willigte ein, dass Vera zusammen mit ihr unser Neujahrsblitzturnier besucht. So sahen wir sie dort zum ersten Mal: eine sehr zierliche und sehr sympathische junge Frau von 22 Jahren. Aus Wikipedia wussten wir, dass sie vor vier Jahren U20W-Weltmeisterin wurde, dafür den WGM-Titel erhalten hatte, überzeugte Vegetarierin und Frühaufsteherin ist, im Jahre 1989 in einer der "verbotenen Städte" der alten Sowjetunion geboren wurde, deren Name übersetzt "Nordisch" lautet, jetzt hauptsächlich in Novosibirsk lebt, und schachlich auch in China sehr aktiv ist.

Beim Neujahrsblitz erregte sie bereits lebhaftes Interesse, auch bei unseren Gästen. Sie gefiel uns sehr gut und ihr gefiel es bei uns. So wurden wir uns schnell einig, dass sie die drei Ligaspiele, die in die Zeit ihres Aufenthaltes fallen, mit uns bestreiten wird. In der wichtigen - und knappen(!) - Begegnung in Deizisau behielt sie souverän die Oberhand im Damenduell der beiden WGM. Gegen Ulm verlor sie leider in Zeitnot den Faden, aber in Gmünd konnte sie wieder zeigen wie leicht man manchmal auch an den vorderen Brettern der Oberliga Württemberg gewinnen kann. So hat Vera - vor allem in Deizisau - ihren Beitrag zum Wiederaufstieg unserer Ersten Mannschaft in die Zweite Bundesliga geleistet. Wir sind ihr sehr dankbar dafür, und hoffen, dass sie, wie vorgesehen, auch kommende Saison in der Zweiten Liga dabei sein wird.

Zum Abschluss ihres Aufenthaltes hatte sie die Idee, in der Akademie eine Simultanveranstaltung für Kinder und Jugendliche zu geben. Im Anschluss daran sollte es mit einem Vortrag für erwachsenes Publikum weiter gehen, in dem sie ihren schachlichen Werdegang schilderte, von ihren wichtigsten Trainern berichtete - der Wichtigste war ihr Vater - und welche speziellen Denkweisen sie von diesen aufgenommen hatte. Am besten dabei hatte mir übrigens gefallen, als sie ein Foto ihrer alten (Schach-)Schulklasse zeigte, und wie beiläufig am Ende erwähnte "die sind heute alle Großmeister". Aber bis es soweit war, waren zunächst mal wir an der Reihe. Unsere Vorsitzenden schafften am Veranstaltungstag 26 Spielsätze in die Solitude, und nun wäre nichts peinlicher gewesen, als wenn diese Bretter zur Hälfte oder gänzlich unbesetzt geblieben wären. So war es wegen des ungünstigen Termins an einem Mittwochnachmittag keine leichte Aufgabe hinreichend Publikum und jugendliche Spieler in die Akademie zu locken. Aber mit einigen schön gestalteten Mails mit großem Verteiler und dem Betreff "Schach im Schloss - eine Weltmeisterin lädt ein" gelang zu guter Letzt auch das, und wir durften sogar unseren Verbandsvorsitzenden Bernhard Mehrer aus Ebersbach als Gast begrüßen! Allerdings wurde es kurz vor dem geplanten Beginn um 17:00 Uhr noch einmal spannend, als mich der Lokalkorrespondent der Stuttgarter Nachrichten um 16:45 Uhr sehr besorgt fragte: "Kommt denn niemand?", weil zu diesem Zeitpunkt noch fast kein "normales" Publikum zu sehen war. Um ihn - und mich(!) - zu beruhigen, antwortete ich: "Die Schachspieler müssen sich nicht vorher warmlaufen. Sie kommen eher kurz nach Spielbeginn als davor.". Und tatsächlich, der 92er-Bus, der Minuten später auf der Solitude eintraf, war rappelvoll und der Spielsaal schlagartig gefüllt. Im Simultanspiel ließ Vera den Jugendlichen keine Chance, es endete 22:0. Schade eigentlich, denn zu gerne hätte ich auf den vorbereiteten und von Vera unterschriebenen Urkunden wenigstens ein Mal handschriftlich ergänzt "und xy hat seine Partie gegen Vera gewonnen - oder remis gehalten". Und im Anschluss an ihren interessanten Vortrag ließ es sich Vera nicht nehmen, ungeplanter Weise auch noch gegen die anwesenden Erwachsenen simultan anzutreten.

Das war die ganze Vera-Geschichte aus meiner Sicht, vorläufig !! Denn wir alle hoffen auf ein baldiges Wiedersehen. Ein freies Zimmer für sie auf der Akademie gibt es immer.

18.05.2012     Claus Seyfried



P.S.:     Vera ist auch viel in China. Sie studierte bereits einige Zeit an der Universität in Qingdao und sie spielt mit dem Team der zugehörigen Provinz Shandong in der Chinesischen Liga. Zu Qingdao wäre zu erwähnen, dass diese Stadt neben dem großen Marinestützpunkt vor allem für die größte und beste Brauerei Chinas bekannt ist, gegründet 1903 als "Germania-Brauerei" ! Wie kam das ? Im ausgehenden 19-ten Jahrhundert war China in einem desolaten Zustand und alle europäischen Großmächte versuchten sich ein Stückchen China zu stibitzen. Qingdao, oder Tsingtau wie es die Deutschen nannten, war des Deutschen Kaisers Stückchen China, und der Großvater unseres 1.Vorsitzenden Friedrich Gackenholz arbeitete dort im Deutschen Postamt. So klein ist die Welt !





Die Stuttgarter Presse über Vera und den Solitude-Event

04.04.2012   Gerlinger Wochenblatt (Seite 1):   Schach im Schloß                                                   (Beide Seiten zusammen)                   (Art.pur)
04.04.2012   Gerlinger Wochenblatt (Seite 2):   Keiner schlägt die Weltmeisterin (Art.pur)
03.04.2012   Stuttgarter Nachrichten (Seite 1):   Schach ist ihr Leben (Art.pur)
03.04.2012   Stuttgarter Nachrichten (Seite 18):   Diese Dame setzt gern schachmatt (Art.pur)
31.03.2012   Stuttgarter Wochenende (Seite 5):   Mein Vater ist mein Lehrer (Art.pur)
21.03.2012   Stuttgarter Zeitung (Seite 31):   Vera Nebolsina hält die Männer in Schach (Art.pur)



Weitere Links:

Wikipedia über Vera Nebolsina
Unsere Einladung zu Veras Solitude-Event
Bericht auf der Vereinsseite
Alle Fotos von Lisa Schreiber (Bitte PIN 1234 eingeben!)
Alle Fotos von Biserka Brender (Bitte PIN 1234 eingeben!)
Alle Fotos von Claus Seyfried (Bitte PIN 1234 eingeben!)
Boris Schipkov / Chess Siberia:     Die 10-jährige Vera - Hoffnung des russischen Schachs - schlägt einen 2450-Spieler



Fotos aus Qingdao (Nordost-China):
In der Stadt
Deutsche Spuren
Der Gouverneur
Das Marinemuseum
Hier kann man die Briefmarken sehen, die Friedrichs Großvater einst verkauft hat






Juni 2012       Vera erteilt Unterricht in der Schachschule Tomsk



   

Juni 2012       Vera am Russisch-Deutschen Haus im alten Teil von Tomsk (an der Straße der Roten Armee)



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